Das Erwachen der Macht in uns

Von: Stefan Andromis Herbert
Datum: 29.03.2015

In diesem Text geht es um unser Erwachsenwerden, ein für mich ganzheitlicher Prozess auf körperlicher, mentaler, emotionaler und spiritueller Ebene. Auf der körperlichen Ebene werden wir fortpflanzungsfähig, und mental stärkt sich in uns eine Persönlichkeit mit ihren Vorlieben und Abneigungen. Auf der emotionalen Ebene lernen wir, mit Ängsten, Wut, Hass, Ohnmacht und anderen Emotionen umzugehen, die uns bereits im Mutterleib prägen. Spirituell erfahren wir, dass das Göttliche nicht außerhalb von uns ist, sondern in uns und erkennen dann einen Sinn in unserem irdischen Dasein.

Von diesem Reifeprozess ist jeder betroffen, und er verändert unser Leben radikal und unwiderruflich. Das heißt, jeder Schritt auf diesem Weg wandelt uns innerlich so sehr, dass wir nicht wieder in die Welt der kindlichen Geborgenheit zurückkehren können. Wie dieser Entwicklungsweg abläuft, finden wir in alten Sagen, Mythen und Märchen beschrieben. Vieles davon ist aber leider in unserer modernen Konsum- oder Spaßgesellschaft verloren gegangen. Denn erwachsen zu werden, bedeutet für mich, Krisen zu bewältigen, Opfer zu bringen, Verletzungen zu erfahren und diese wieder zu heilen.

In meinem Beitrag möchte ich diesen Weg u.a. mit Bezug auf die Grimms Märchen Eisenhans und Schneewittchen und die Nibelungensage mit Siegfried, dem Drachentöter, beschreiben. Zudem gibt es auch zwei modernere Geschichten, welche ich für sehr passend halte: die Star-Wars-Kinofilme und „Der Herr der Ringe“ von J.J.R. Tolkien. Gerade bei Star Wars handelt es sich nicht um einen oberflächlichen Kinderfilm, denn George Lukas hat hier bewusst mythologische Elemente eingebaut. Dazu hat er sich unter anderem mit der Heldenreise des Mythenforschers Joseph Campbell beschäftigt, die archetypische Muster unserer geistigen und spirituellen Entwicklung hin zu einem bewussten erwachsenen Menschen beschreibt.

Mit den Helden sind wir alle angesprochen. Denn jeder ist ein außergewöhnlicher Mensch mit einzigartigen Fähigkeiten und alles, was wir in unserem Leben erfahren, bringt uns dazu, unsere tief in uns verborgenen Potentiale zu erkennen, sie anzunehmen und zum Wohle der Gemeinschaft einzusetzen. Deshalb können wir nicht erwachsen werden, wenn wir nicht die Helden unserer Kindheit loslassen und selbst zum Held unseres Lebens werden.

Eine Frage der Energie

Jeder Erwachsenwerdungsprozess beginnt mit der Vertreibung aus dem Paradies in der Einheit mit der Mutter und unserer Geburt in dieser Welt, in welcher wir unser Leben nackt und hilflos beginnen. Wir können uns nicht selbst um uns kümmern, wir spüren Hunger, benötigen aber dieses jetzt außerhalb von uns agierende Wesen der Mutter, um satt zu werden. Wir sehnen uns nach Zuwendung und Aufmerksamkeit, haben ein Bedürfnis nach Wärme, Geborgenheit, Nähe und Berührung. Doch wir machen auch die Erfahrung, dass wir dies nicht immer erhalten, wenn wir es benötigen. Dadurch erfahren wir in uns einen Mangel, und dieser führt zu Verletzungen, die wiederum Ängste erzeugen. Zudem entwickeln wir Verhaltensmuster, mit denen wir versuchen, den Verletzungen auszuweichen und trotzdem die Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erlangen, nach denen wir uns so sehr sehnen.

Dieser Vorgang wird sehr gut in dem Buch „Die Prophezeiungen von Celestine“ von James Redfield beschrieben. Dort lesen wir, dass wir in einer energetischen Welt leben und einen Mangel an Energien erfahren. Diesen Mangel in uns versuchen wir auszugleichen, indem wir Energien von anderen Menschen in Form von Aufmerksamkeit und Anerkennung ziehen. Das muss noch nicht einmal Lob sein, denn Aufmerksamkeit erlangen wir auch, wenn wir getadelt werden. So lernen wir bereits in jungen Jahren bestimmte Verhaltensmuster, mit denen wir glauben, von unseren Mitmenschen Energien rauben zu können.

Doch die Energien, die wir von anderen Menschen erhalten, bleiben nicht bei uns und gleichen unseren inneren Mangel deshalb nur scheinbar aus. Zudem verhalten sich unsere Mitmenschen genauso wie wir, denn auch sie haben ihre Verhaltensmuster, mit denen sie Energien von uns rauben. Deshalb erfahren wir in diesem Machtkampf um Energien trotzdem immer wieder den gleichen Mangel erneut in uns und wenden diese Verhaltensmuster auch immer wieder aufs Neue an. Dies beginnt natürlich bei unseren Eltern und Geschwistern und setzt sich fort in Partnerschaften, im Umgang mit Freunden, Kollegen oder den eigenen Kindern.

In diesem Sinne heißt Erwachsenwerden, sich die eigenen energiesaugenden Verhaltensmuster bewusst zu machen und zu erkennen, dass es noch eine andere Möglichkeit gibt, unseren inneren Mangel auszugleichen, ohne dabei Aufmerksamkeit oder Anerkennung von unseren Mitmenschen zu fordern. In dem Buch wird dazu die Natur angesprochen und konkret kraftvolle Plätze, an denen wir uns mit der Schöpfung oder dem Universum verbinden und mystische Einheitserlebnisse erfahren. Ich bezeichne es als ein spirituelles Erwachsenwerden, und dies erklärt, was wir auf unseren religiösen oder spirituellen Wegen suchen: die Erfahrung der Einheit oder Verschmelzung mit Gott, der Schöpfung oder der Quelle.

Siegfried und der Drache

Bei den Naturvölkern gab es schon immer initiatorische Rituale für das Erwachsenwerden, wie Mutproben oder die Visionssuche. Bestehen die Jugendlichen diese Prüfungen, werden sie in einer Zeremonie offiziell in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. In unserer Gesellschaft sind solche Rituale in Vergessenheit geraten, beziehungsweise durch die römische Kirche verdrängt worden. Der Grund liegt nahe, denn wer den spirituellen Reifeweg gegangen ist und Gott in sich gefunden hat, der braucht keine Priester mehr zwischen sich und Gott und kann somit nicht mehr unbewusst gehalten und kontrolliert werden. Ein Überbleibsel dieser Initiationen sind die Firmung und die Konfirmation.

Es gibt aber Sagen oder Erzählungen, wie die Märchen, die uns noch Wertvolles über unsere menschlichen Reifungsprozesse mitteilen können. Erwähnen will ich hier zuerst die Nibelungensage. Sie erzählt von dem jungen Königssohn Siegfried von Xanten, der in die Welt hinausgeht, um diese und sich selbst kennenzulernen. Er kommt zu einem Schmied, lernt dessen Handwerk und als er genug gelernt hat, muss er gegen den gefährlichen Drachen Fafnir kämpfen. Nachdem er ihn besiegt hat, badet er in dessen Blut und wird dadurch fast unbesiegbar. Außerdem nimmt er den Schatz der Nibelungen zu sich, den der Drache bewacht hat.

Die Sage zeigt mir, dass es auf unserem Erwachsenwerdungsweg als erstes wichtig ist, unser Zuhause oder Heim zu verlassen. Dann sollen wir einer niedrigeren oder handwerklichen Arbeit nachgehen, die uns reifen lässt. Genau wie bei den Naturvölkern, muss Siegfried mit dem Kampf gegen den Drachen eine Prüfung bestehen, die seinen ganzen Mut und sein Geschick fordert. Vor einigen Wochen hatte ich mich näher mit Drachen beschäftigt und bin zu dem Drachenfels bei Königswinter gefahren. Hoch oben auf diesem Berg im Siebengebirge steht die Ruine einer alten Burg mit einem fantastischen Blick über den Rhein. Dort habe ich die Drachenenergie sehr deutlich gespürt, habe mich mit ihr verbunden und nahm zu meiner Überraschung einen Drachen mit Eigenschaften wahr, in denen ich mich selbst erkannt habe.

Dies brachte mir die Erkenntnis, dass diese Ungeheuer symbolisch für eigene Bewusstseinsaspekte stehen, die es zu integrieren gilt. In der Erzählung mit Siegfried geschieht dies durch das Töten des Drachen, wodurch wir etwas von seiner Stärke und Kraft integrieren. Der Schatz, den der Drache bewacht, ist unser ureigenes Potential, also unsere „inneren Schätze“, die wir durch die Integration gewinnen. Aber diese fordern von uns auch, sie im Sinne des Ganzen oder der Gemeinschaft einzusetzen. In der Nibelungensage ist der Schatz verflucht, was für mich ein Hinweis darauf ist, dass er nicht zu egoistischen Zwecken oder zum Eigennutz verwendet werden darf.

Der Wilde Mann

Als Nächstes möchte ich das nicht so bekannte Märchen „Eisenhans“ von den Gebrüdern Grimm ansprechen. Der Schriftsteller Robert Bly hat es verwendet, um mit ihm den Prozess des Mannwerdens zu beschreiben. Ein Königssohn erlebt, dass sein Vater einen wilden Mann aus dem benachbarten Wald fängt und auf dem Schlosshof in einen Käfig einsperrt. Er spricht den Fremden an, der sich Eisenhans nennt, und dieser bittet den Sohn, ihn aus dem Käfig zu befreien. Spannenderweise befindet sich der Schlüssel für die Tür des Käfigs unter dem Kopfkissen der Mutter. Dies bedeutet, dass es wichtig ist, irgendwann nicht mehr auf die Eltern zu hören, sondern zu beginnen, eigene Entscheidungen zu treffen und dadurch das eigene Leben zu leben. Besonders ein Junge muss aufhören, der manchmal übermächtig erscheinenden Mutter ein „guter Junge“ zu sein.

Der wilde Mann nimmt den Königssohn mit in den Wald, wo er einen Brunnen mit goldenem Wasser bewachen soll. Doch als er sich zu sehr über den Brunnen beugt, um sein Spiegelbild zu bewundern, fallen seine Haare in das Wasser und werden golden. Dies ist, genau wie der durch den Drachen gehütete Schatz, ein Hinweis auf unsere „inneren“ Potentiale, Robert Bly spricht hier von unserem „Genie“. Doch dürfen wir diesen Schatz in uns noch nicht nach außen zeigen, sondern müssen erst einmal einen inneren Reifungsprozess durchlaufen. Dazu schickt der Eisenhans den Königssohn hinaus in die Welt.

Seine goldenen Haare verborgen haltend, findet er Arbeit als Küchenhilfe im Schloss eines fremden Königs. Hier muss er zuerst einer niedrigen Arbeit nachgehen, bei der er mit Asche und Ruß zu tun hat. Dies ist vergleichbar mit der Rolle des Aschenputtels, das veranlasst durch Stiefmutter und Stiefschwestern, in seinem eigenen Zuhause als Dienstmagd auch die niedrigen und schmutzigen Arbeiten tun muss. Aber der Königssohn und das Aschenputtel wissen ihre dienenden Tätigkeiten als einen wichtigen Teil ihrer Leben zu würdigen, tun diese in Demut und warten bis sie die notwendige innere Reife erlangt haben und das Schicksal sich wandelt.

Eine solche Zeit der inneren Einkehr oder des Verrichtens von „niedrigen“ eher dienenden Tätigkeiten, findet sich auch in anderen Märchen und beschreibt einen wesentlichen Aspekt unserer menschlichen Entwicklung. So erlernt Siegfried das Handwerk des Schmieds, und in einem anderen Märchen wird Hänsel von der Hexe in einen Käfig gesperrt, wo er so lange geduldig ausharrt, bis er von seiner Schwester Gretel wieder befreit wird. Die Königstochter Dornröschen muss sogar hundert Jahre schlafen, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist, dass sie durch einen Prinzen wachgeküsst wird, und Schneewittchen liegt einige Zeit wie tot in dem Glassarg, bis sie zur Frau gereift ist und aus ihrem gläsernen Kokon herauskommen kann.



Schneewittchen und die bösen Stiefmütter

In dem Märchen Schneewittchen finde ich eine sehr passende Beschreibung des körperlichen und seelischen Reifungsprozesses vom Mädchen zur Frau. Am Anfang wünscht sich die Königin ein Mädchen und beschreibt es mit den Worten „so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz“. Diese Farben stehen für die drei Entwicklungszyklen einer Frau. Die Farbe Weiß steht für die Unschuld der Kindheit, Rot für die fruchtbare Zeit ab der ersten Menstruation und Schwarz für die weise ältere Frau. Bald darauf wird Schneewittchen geboren. Doch seine Mutter stirbt, und der König heiratet erneut. Die Stiefmutter ist aber neidisch auf Schneewittchens Schönheit und Ausstrahlung und trachtet ihm nach dem Leben.

Auch Schneewittchen muss nun sein Zuhause verlassen, um in der Einsamkeit bei den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen zu sich selbst zu finden. Es ist zu dieser Zeit sieben Jahre alt und damit kein Kleinkind mehr, aber auch noch keine Frau. Es kümmert sich um den Haushalt der Zwerge und verrichtet dadurch seine dienende Tätigkeit. Die Stiefmutter versucht, Schneewittchen dreimal zu töten, beim dritten Mal mit Erfolg, als es die rote Hälfte eines vergifteten Apfels isst. Die Farbe Rot steht hier auch wieder symbolisch für das Blut der Menstruation, mit der Schneewittchen zur Frau wird, und der Apfel sowohl für göttliche Erkenntnis, wie auch für Fruchtbarkeit.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass hier, wie bei Aschenputtel, eine Stiefmutter erwähnt wird. Eine Stiefmutter steht aus meiner Sicht für den dunklen mütterlichen Aspekt, eine Mutter, welche die Tochter töten möchte oder sie nicht anerkennt. Aschenputtel erträgt die leidvolle Zeit mit ihr und auch den Stiefschwestern nur, weil es sich jeden Tag am Grab seiner leiblichen Mutter trösten kann. Gretel wird mit diesem Aspekt durch die Hexe konfrontiert und erlöst ihn in sich selbst, als sie die alte Frau in den Ofen schubst. Dadurch vermitteln mir diese Märchen, dass es auch für ein Mädchen in der Phase des Erwachsenwerdens wichtig ist, sich von seiner Mutter abzugrenzen, die dunklen weiblichen Aspekte zu integrieren und ein Gefühl für das eigene Frausein zu entwickeln.

Dieser dunkle Aspekt der Weiblichkeit oder Mütterlichkeit wird aus meiner Sicht in unserer Gesellschaft tabuisiert, denn Mütter haben immer nur gut zu sein. Doch ist es scheinbar für den Prozess des Frauwerdens wichtig, diesen Schattenaspekt zu integrieren. In der Astrologie findet er sich in dem Planeten Lilith oder dem Schwarzen Mond. Dieser Aspekt steht für das Leidenschaftliche in uns, für dunkle unbewusste Vorgänge und für die weibliche Urenergie. Mythologisch ist Lilith bekannt als die erste Frau Adams. Da sie sich ihm nicht unterordnen will, verlässt sie ihn. Adam bittet Gott daraufhin, ihm eine andere, gefügigere Frau zu erschaffen, woraufhin er Eva erhält. Das macht es für mich verständlich, warum eine patriarchale Gesellschaft wie die unsere mit Lilith nichts anfangen kann. Dieser Lilith-Aspekt befindet sich übrigens in jedem Geburtshoroskop, auch bei Männern.

In dem Märchen Dornröschen gibt es eine andere Person in dieser dunklen weiblichen Kraft: die 13. weise Frau oder Fee. Als Dornröschen geboren wird, ist der Vater sehr stolz auf sein Töchterchen und will ein großes Fest feiern. Dazu sollen auch die 13 weisen Frauen des Landes eingeladen werden. Doch leider gibt es auf dem Schloss nur 12 goldene Teller, weshalb die 13. Frau nicht mit bedacht wird. Aus Wut hierüber verflucht sie Dornröschen, auf dass diese an ihrem 15. Geburtstag sterben soll. Die 12. weise Frau vermag den Fluch abzumildern und reduziert ihn auf einen hundertjährigen Schlaf.

Was bedeuten hier die Zahlen? Die Zahl 12 symbolisiert die göttliche Ordnung auf Erden. Es gibt die 12 Tierkreiszeichen und die 12 Jünger oder Apostel. Doch Jesus war der 13. unter ihnen. Er bringt das göttliche Potential, um die 12 zu einen. Er erlöst uns von der irdischen Sünde durch die göttliche Macht der Liebe. Die Christus-Kraft ist der Impuls, der uns ermöglicht, über uns hinauszuwachsen und zu erkennen, dass wir mehr sind als irdische Geschöpfe in unseren irdischen Schicksalen. Indem die 13. weise Frau nicht zu dem Fest eingeladen wird, wird dieser Entwicklungsimpuls unterdrückt. Doch da er sich nicht verdrängen lässt, taucht er wieder auf in der hundertjährigen Rückzugs- und Reifephase des Schlafes.

Die Star-Wars-Saga

In Star Wars gibt es mit Anakin und Luke Skywalker zwei Helden, die – wie Siegfried – ihren Herausforderungen begegnen müssen, um zum Ritter oder Meister zu werden. Dann gibt es noch zwei selbstbewusste und kämpferische Frauen, die Königin Padme Amidala, die Frau von Anakin und Mutter von der zweiten Frau, Prinzessin Lea Organa, die Schwester von Luke. Amidala entwickelt sich von einer verantwortungsbewussten Königin zu einer liebenden Frau und stolzen werdenden Mutter, und Lea, die anfangs eine eher kindliche Freiheitskämpferin ist, verliebt sich in den Schurken Han Solo und reift durch ihn zu einer Frau. Han Solo dagegen ist ein Söldner, einer dem seine Unabhängigkeit wichtig ist, der Bindungsprobleme hat und nur für Geld kämpft. Er lernt, sich in die Gemeinschaft mit Luke und Lea zu integrieren und Verantwortung zu übernehmen.

Außerdem gibt es noch die Jedi-Meister Obi-Wan Kenobi und Yoda. Obi-Wan beginnt als Schüler des Jedi-Meisters Qui-Gon Jinn und wird bald selbst ein Meister. In der Episode IV opfert er sein Leben, um Luke auf geistigem Weg besser helfen zu können. Yoda, einer der ältesten und weisesten Jedi-Meister, anerkennt sein Versagen am Ende von Episode III, nachdem er den Kampf mit dem dunklen Lord Sidious nicht gewinnen kann und zieht sich ins Dagobah-System zurück. Hier vermag er in der Abgeschiedenheit und unerkannt von der dunklen Seite, weiter an sich zu arbeiten und kann 20 Jahre später Luke ausbilden.

Die Hauptpersonen und damit die großen Helden sind Anakin Skywalker, der zur dunklen Seite übertritt und zu Darth Vader wird, und sein Sohn Luke, der seinen Vater zum Schluss zu erlösen vermag. Anakin wird als neunjähriger Junge vom Jedi-Meister Qui-Gon entdeckt, welcher glaubt, dass sich in dem Jungen die Prophezeiung über einen Jedi erfüllt, der das Gleichgewicht der Macht bringen wird.

Luke begegnet Obi-Wan Kenobi bereits als junger Mann, als jener von den Rebellen um Hilfe im Kampf gegen das dunkle Imperium gerufen wird. Nachdem seine Pflegeeltern vom Imperium ermordet werden, entscheidet er sich, Obi-Wan zu folgen. In beiden Fällen folgen sie dem Schicksal, das sie aus ihrem bisherigen Alltag herausholt, damit sie sich in die entscheidende Richtung weiterentwickeln können.

Qui-Gon und Obi-Wan sind für Anakin und Luke Mentoren, welche gemäß des Mythenforschers Joseph Campbell die Helden auf ihrer Reise begleiten. Mentoren sind weise und erfahrene Männer, die einen Jüngling auf neudeutsch „coachen“, ihm als Lehrer oder auch Ersatzvater wertvolle Orientierung geben und helfen, Auseinandersetzungen und Kämpfe zu bestehen. Die Schüler können dabei vertrauen, dass sie von ihren Mentoren in ihrer Not nicht alleingelassen sind.

In dem Märchen Eisenhans ist der wilde Mann ein Mentor für den Königssohn, bei Schneewittchen sind es die sieben Zwerge. Mit ihnen zeigt sich mir die Wichtigkeit gerade für Heranwachsende, Menschen in ihrem Umfeld zu wissen, die ihnen in dieser schwierigen Lebensphase helfend zur Seite stehen. Das müssen nicht die Eltern sein, weil der Umgang mit ihnen ja in dieser Zeit eher konfliktreich ist. Es kann sich um Onkel oder Tanten handeln, Großeltern, gute Freunde der Eltern oder Arbeitskollegen.

Wie Siegfried in der Nibelungensage und der Königssohn in Eisenhans, müssen auch die beiden Helden in Star Wars nach der Begegnung mit ihren Mentoren ihre Heimat verlassen. Luke kommt damit allerdings besser zurecht als Anakin, welcher die Trennung von seiner Mutter nie wirklich überwindet. Als er sie als junger Mann auch nicht retten kann und sie deshalb stirbt, löst dies bei ihm einen heftigen Hass- und Rache-Impuls aus. Diese Verletzung begegnet ihm wieder in seiner Angst, seine geliebte Frau Amidala zu verlieren. Weil er auch da nicht lernt, mit seinen Emotionen umzugehen, führt ihn dies zur dunklen Seite der Macht. Yoda bemerkt dazu: „Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid.“

Wie Anakin oder später auch Luke, muss sich jeder Mensch auf seinem Entwicklungsweg entscheiden, ob er die Seite des Guten oder des Bösen wählt. Ich spreche hier bewusst von diesen Polaritäten, weil es in dieser Phase der Entwicklung diese Unterscheidung noch gibt. Erst später, nachdem durch die Auseinandersetzung mit dem Dunklen die Schattenaspekte integriert werden, gibt es kein Gut und Böse mehr, sondern das Ziel ist die Wahrhaftigkeit im eigenen Handeln. Luke geht diesen Weg, als er anerkennen muss, dass der böse Darth Vader sein eigener Vater ist und dass ein Teil des Bösen deshalb auch in ihm ist. Dies verändert ihn und lässt ihn erst zum Jedi-Meister werden.

Indem Luke seinen Vater am Ende besiegt, vermag er sogar geistig über ihn hinauszuwachsen und kann ihn von seinem Schicksal erlösen. Diese Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn ist sehr wichtig und findet sich auch in der griechischen Götterwelt. Dort wird Uranos durch seinen Sohn Kronos entmannt. Kronos hat deshalb Angst, seine Kinder würden das Gleiche mit ihm tun und verschlingt Demeter, Hera, Hades und Poseidon nach deren Geburt. Als Zeus geboren wird, vermag seine Mutter Rea, ihn zu verstecken und im Geheimen aufwachsen zu lassen. Aber trotzdem muss er gegen seinen Vater kämpfen, besiegt ihn und rettet damit die zuvor verschlungenen Geschwister.

Der Herr der Ringe

In der Trilogie „Der Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien ist es Frodo, der bis dahin eine ungetrübte Kindheit und Jugendzeit verbringt. Sein Mentor ist der Zauberer Gandalf der Graue, der ihn dazu bewegt, sich auf den Weg nach Mordor zu machen, um dort den Ring der Macht zu vernichten. Dies wandelt sein Leben radikal. Als er nach erfolgter Mission wieder in seine Heimat zurückkehrt, ist er innerlich so verändert, dass er sich dort nicht mehr wirklich wohlfühlt. Aber Gandalf muss selbst durch einen tiefen inneren Prozess gehen, als er vom Dämon Balrog in die Tiefen der Höhlen des Berges Moria gezogen wird und dort fast zu Tode kommt. Nachdem er diesen Sturz überlebt, kann er seinen Platz als spiritueller Führer der Gefährten gereift zu Gandalf der Weiße wieder einnehmen.

Aragorn, eine der beiden menschlichen Reisegefährten Frodos, ist zwar am Anfang der Geschichte kein Jugendlicher mehr, aber er macht trotzdem eine bemerkenswerte Wandlung durch. Er ist der Nachfahre des Königs Isildur von Gondor. Dieser kämpfte einst in einer großen Schlacht gegen Sauron, der, ausgestattet mit dem Ring der Macht, die Völker Mittelerdes unterwerfen will. Isildur schneidet Sauron den Finger mitsamt dem Ring ab und gelangt so in dessen Besitz. Damit fällt ihm die Aufgabe zu, den Ring in die Flammen des Schicksalsberges von Mordor zu werfen, dem einzigen Ort, an dem er vernichtet werden kann. Doch Isildur versagt und verfällt der Macht des Ringes.

Da der Ring an die Nachfahren Isildurs gebunden ist, liegt es nun an Aragorn, diese Aufgabe anzugehen. Er schämt sich aber bisher für das Versagen seines Vorfahren, verdrängt dadurch seine königliche Herkunft und erlebt zurückgezogen seine „Asche-Zeit“ als Landstreicher (siehe Eisenhans). Als er sich mit Gandalf und den anderen Gefährten auf den Weg nach Mordor macht, verpflichtet er sich mit seinem Leben, Frodo zu helfen, den Ring nun endgültig zu vernichten. Damit nimmt er die Verletzung seiner Ahnenreihe an, heilt die viele Jahrhunderte alte Wunde und kann am Ende der Geschichte den ihm gebührenden Platz als König von Gondor einnehmen.

Dann gibt es in dieser Saga noch Arwen, die Tochter des Elbenherrschers Elrond, die ihren eigenen Erwachsenwerdungsweg geht und zur Frau und Mutter reift. Als ihr Vater mit ihr aus Mittelerde abreisen will, folgt sie ihrem Herzen und bindet sich an ihren Geliebten Aragorn. Dazu muss sie ihren Vater enttäuschen und etwas Wertvolles opfern: ihr ewiges Leben. Wenn sie mit ihrem Vater zusammen Mittelerde verlassen würde, würde sie weiterhin ewig leben können. Entscheidet sie sich aber für ihre Liebe zu Aragorn, wird sie ein Mensch und ist damit sterblich. Doch die Liebe zu ihm ist für sie so groß, dass sie lieber ein sterbliches Leben mit ihm zusammen verbringen will als ein ewiges Leben ohne ihn.

So wie die Helden aus Star Wars, muss also auch Arwen ihr bisher vertrautes Leben aufgeben und sich auf unsichere Pfade begeben, ohne zu wissen, ob Aragorn den Kampf gegen Sauron überhaupt überleben wird. Auch hier zeigt sich wieder, dass sie nicht zurück kann zu einem Leben in der geborgenen Nähe ihres Vaters. Sie entscheidet sich bewusst, den Weg der Menschen mit all seinem Leid und Schmerz zu gehen, aber auch mit den Möglichkeiten, sich enorm weiterzuentwickeln, zu reifen und Erfahrungen zu machen, die sie als Elbin nicht machen würde. Genauso können wir, wenn wir erwachsen werden wollen, auch nicht weiter im Schoß unserer Mutter oder in der Geborgenheit der Familie, in der wir aufgewachsen sind, bleiben.

Wie wird ein Mann ein Mann?

In den beschriebenen Märchen und Sagen wird deutlich, wie wichtig es ist, dass wir, um erwachsen zu werden, unsere eigenen Erfahrungen machen. Dies können uns unsere Eltern nicht abnehmen, denn sonst reifen wir nicht zu eigenständigen bewussten Wesen heran. Unsere durch die Vernunft und den Verstand geprägte Gesellschaft, ist sich dieser Tatsache oft nicht bewusst, denn es wird mehr Wert darauf gelegt, dass Heranwachsende das nötige Wissen erlangen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen und eine Familie ernähren zu können.

Wie wir mit den emotionalen Verletzungen umgehen, die uns dabei immer wieder begegnen und wie wir einen Sinn in unserem Leben erkennen und dadurch zu einem außerhalb des Konsums wahrhaft erfüllten und glücklichen Leben finden, lernen wir in der Regel nicht. Dabei hilft uns das Buch “Die Prophezeiungen von Celestine“, die Ursachen für unsere oft irrationalen Verhaltensweisen zu verstehen, uns selbst in die Einheit mit dem Göttlichen zu begeben und zu achtsamen und respektvollen Beziehungen zu finden.

Aber auch auf die von Herbert Grönemeyer in einem seiner bekanntesten Lieder gestellte Frage „Wann ist ein Mann ein Mann?“ vermag unsere Gesellschaft aus meiner Sicht keine brauchbare Antwort zu geben. Die Naturvölker wissen sie zu beantworten, denn sie kennen noch Rituale, in denen Jugendliche durch Initiationen zum Mann reifen. Bei uns gibt es sie nicht mehr.

Wenn man sich mit diesem Thema aus der Sicht von Robert Bly befasst, stellt man fest, dass viele erwachsene Männer eigentlich nur große Jungs sind, denn sie haben es nie gelernt, mit ihren Emotionen umzugehen, sich von ihren Eltern abzunabeln und ihr eigenes Leben zu leben. Vor allem haben sie kein Gefühl in sich entwickelt, was es wahrhaftig bedeutet, ein Mann zu sein. Damit meine ich keinen aggressiven Macho oder Rambo, sondern einen reifen und mitfühlenden Mann, der sich seiner Aggressionen bewusst ist, sie integriert und in Leidenschaft, Kreativität und Tatkraft gewandelt hat.

Dadurch vermag er auch, Frauen mit all ihren Bedürfnissen, Ängsten, Schwächen und Wünschen zu respektieren und wertzuschätzen wie sie sind. Da mit der Zeit der Aufklärung und der Fokussierung auf den vernunftbegabten Menschen, dieser emotional gereifte Mann verdrängt wurde, finden wir in unserer Gesellschaft auch kaum mehr Vorbilder. Am besten repräsentiert mir Aragorn in „Der Herr der Ringe“ einen solchen Typ von Mann. Er ist wahrhaftig und geht klar seinen Weg, er hört auf sein Herz, ist sich seiner inneren Stärke bewusst und stellt damit einen weisen Führer dar, der aber auch Mitgefühl und Respekt zu zeigen vermag.

Gelingt dieser Reifeweg nicht und wird die innewohnende männliche Kraft stattdessen unterdrückt, sind die Folgen Entwurzelung, Vereinsamung, Drogen- und Spielsucht, Kriminalität, Raserei auf Autobahnen, Hooligans, IS-Kämpfer, gnadenlose Karrieremenschen, Unterdrückung von Frauen, Potenzstörungen, Pornographie, Vergewaltigungen etc. Unsere Gesellschaft täte deshalb gut daran, die wahren Ursachen für diese Übel zu erkennen und endlich neue Wege einzuschlagen. Damit schaffen wir auch die Basis für ein neues Verständnis von Mann und Frau und zu einem wahrhaft gleichberechtigten Miteinander beider Geschlechter.



Die Integration von Gut und Böse

Um dies zu erreichen, ist für mich aber ein tieferes Umdenken auf der mythologischen und spirituellen Ebene nötig. In unserem Weltbild ist der Himmel männlich geprägt und die Erde weiblich. So sprechen wir einseitig immer nur von „Vater Himmel“ und „Mutter Erde“. Doch das ist nicht immer so klar getrennt gewesen. In der altägyptischen und griechischen Mythologie gab es noch die gegenpoligen Aspekte der Himmelsmutter und des Erdvaters. Eisenhans, der wilde Mann, ist ein solcher Erdvater-Archetypus: ein Mann, der tief in der Erde verwurzelt ist, der im Einklang mit der Natur lebt, der sich traut, Emotionen zu zeigen und der seine Familie nähren möchte. Ein weiteres Beispiel hierfür ist Poseidon, der griechische Gott des Meeres.

Doch genauso darf die Frau sich ihrer göttlichen Anbindung bewusst sein, ihrer Intuition folgen und „Licht“ sein. Damit brauchen sich heranwachsende Frauen nicht nur mit der Erdmutter Maria zu identifizieren, sondern können in sich auch himmlische Aspekte sehen. Männlich und weiblich sind dann wahrhaftig gleichwertig und gleichberechtigt. Wenn wir zu diesem umfassenderen und ganzheitlichen Weltbild zurückfinden, stellen wir damit auch die göttliche Ordnung in der Einheit von Mann und Frau, Licht und Dunkel, Gut und Böse wieder her.

Wie in Star Wars, geht es bei „Der Herr der Ringe“ auch um die immer wiederkehrende Auseinandersetzung der Macht zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkel. Dies ist schließlich das große Thema der Menschheit und zeigt sich in unendlich vielen Romanen und Kinofilmen. Am Ende siegt zwar immer das Gute, doch gibt es für mich einen entscheidenden Unterschied zwischen den beiden genannten Sagen und manchen anderen Geschichten dieser Zeit.

Wie in unserem menschlichen Leben, geht es für mich nicht einfach darum, dass das Gute am Ende über das Böse siegt. Der Kampf zwischen diesen Polaritäten hat einen Sinn, der darin besteht, dass wir uns durch ihn weiterentwickeln. Ohne diese Auseinandersetzung kann menschliche Entwicklung nämlich nicht stattfinden. Deshalb ist der Kampf des Guten gegen das Böse oder der des Lichts gegen die Dunkelheit für uns die Chance, durch die Annahme unserer Ängste und Schuldgefühle, unseren eigenen Schatten zu integrieren und damit wahrhaftig und ganz zu werden.

Sicherlich ist das schmerzhaft, und keiner von uns macht dies gerne, doch dadurch bekommt die Existenz des Dunklen oder Bösen auf der Welt einen Sinn. Wie schon erwähnt, ist in der Star-Wars-Saga von einer Prophezeiung die Rede, dass jemand kommen wird, der das Gleichgewicht der Macht wiederherstellt. Im Grunde genommen, ist dies jeder von uns. Indem wir aufhören, weiterhin das Spiel der Polarität von Gut und Böse zu spielen und uns für die allumfassende Macht öffnen, die es in unserem Universum gibt, erfüllen wir diese Prophezeiung und verwirklichen den Himmel auf Erden.

Möge diese Macht der allumfassenden Liebe immer mit euch sein!

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Bewusstwerdungsbegleiter – Lichtbotschafter – Autor – Visionär der Neuen Erde